In Esslingen


Diskriminierung im Landkreis Esslingen

Der Landkreis Esslingen gilt mit seinen 44 Städten und Gemeinden als aufstrebendes, wohlhabendes und finanzkräftiges Mittelzentrum der Region Stuttgart. Mit etwa 530.000 Einwohner*innen ist der Landkreis Esslingen für seine erfolgreichen und global agierenden Unternehmen bekannt.

Forschungsergebnisse zeigen, dass es in allen Bereichen – in der Privatwirtschaft, im öffentlichen Bereich, im gemeinnützigen Sektor und im Alltag – Menschen gibt, die von Diskriminierung betroffen sind. Diskriminierung als Ausschließungspraxis ist ein bundesweites Problem und existiert in der ganzen Gesellschaft.

Weitaus mehr Menschen, als bisher angenommen, sind in Esslingen, wie auch in ganz Deutschland, von Diskriminierung betroffen. Betroffen sind unter anderem Frauen, Menschen mit Behinderung oder chronischen Krankheiten, Menschen, die aufgrund ihres Alters oder ökonomisches Standes benachteiligt werden, People of Color1 oder Migrantinnen, schwarze Menschen, Menschen, die aufgrund ihrer Religiosität Diskriminierung erfahren oder Menschen, die der LSBTQI* Community zugeschrieben werden, also jene, die wegen ihrer sexuellen Identität oder Ausrichtung Benachteiligung erfahren, usw.

Zum Beispiel:

  • Im Landkreis verdienen Frauen durchschnittlich 25 % weniger als Männer aufgrund vieler verknüpfter und einander verstärkender Formen von geschlechtsspezifischer Diskriminierung.2
  • Die Einkommensarmutsquote beträgt 9,2 % der Bevölkerung.3 Das sind insgesamt 48.750 Menschen, die in Armutssituationen leben, mit allen dazugehörigen Benachteiligungen und Auswirkungen.
  • Menschen, die rassistische Diskriminierung erfahren, haben Schwierigkeiten eine Wohnung zu mieten und ihre Möglichkeiten, eine Wohnung zu finden in einem Gebiet ihrer Wahl, sind oft eingeschränkt.4
  • Junge LGBTQI* Leute verzögern oft ihr öffentliches Coming Out aus Angst vor Gewalt, Diskriminierung und anderen Formen von Ausgrenzung in der Familie, in der Schule oder bei der Arbeit.5

Die Ergebnisse einer bundesweiten Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes im Jahr 2016 bestätigen, dass Diskriminierung ein ernstzunehmendes Problem mit vielen Facetten darstellt. 31,4 % der Befragten berichten, dass sie in den letzten zwei Jahren Erfahrung mit Diskriminierung aufgrund mindestens eines Merkmals, das im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) anerkannt ist (s. u.), gemacht haben.6

Die Betroffenen berichten zudem, dass Diskriminierung auch in unterschiedlichen Milieus und Gesellschaftsbereichen geschieht und sich somit vor allem im Alltag niederschlägt. Jemand, der Diskriminierung in einer Umgebung, z. B. in der Arbeit oder auf dem Wohnungsmarkt, erfährt, wird dies wahrscheinlich auch in anderen erleben. Fast die Hälfte der Fälle traten im Arbeitsverhältnis auf (48,9 %), 40,7 % der Befragten erlebten Diskriminierung in der Öffentlichkeit oder in der Freizeit und 32,8 % gaben an, dass ihnen die Diskriminierung in Geschäften oder bei Dienstleistungen widerfährt. Diskriminierung ist selten eine einmalige Angelegenheit. Sie ist Teil des gesellschaftlichen Raumes, in dem sich Menschen entwickeln.

Weiter zeigen die Ergebnisse der Studie, dass Menschen auch in Behörden und Bildungseinrichtungen nicht vor Diskriminierung geschützt sind. So gaben 27,8 % (Behörden) bzw. 23,7 % (Bildung) der Personen an, dass sie in den letzten zwei Jahren Diskriminierung bei den öffentlichen Dienstleistungen erlebt haben. Des Weiteren sind das Internet und die Medien digitale Räume, in denen Menschen Diskriminierung erleben (22,1 % der Betroffenen nach der Studie der ADS des Bundes), ebenso der Wohnungsmarkt (18,8 %). Insgesamt ist Diskriminierung als ein strukturelles und nicht als ein individuelles Problem zu betrachten.

Dieses Portrait zeigt auf, dass alle Akteur*innen im Landkreis Esslingen viel zu tun haben, um Diskriminierung im Alltag und auf struktureller Ebene zu bekämpfen, vor allem, wenn alle Menschen gleichermaßen an den Möglichkeiten des Landkreises und der Stadt Esslingen teilhaben sollen.


1 Person of color, positiv konnotierter Begriff für nicht-weiße Menschen.

2 Timcke, Marie-Louise, David Wendler, Moritz Klack, Julius Tröger und André Pätzold. Dezember 2017. „Wo Frauen mehr verdienen als Männer“, Berliner Morgenpost. https://interaktiv.morgenpost.de/gender-pay-gap/

3 Röhl, Klaus-Heiner und Christoph Schröder. 2017. „Regionale Armut in Deutschland: Risikogruppen erkennen, Politik neu ausrichten.“ IW-Analysen Nr. 113 Forschungsberichte aus dem Institut der deutschen Wirtschaft, Köln. https://www.iwkoeln.de/fileadmin/publikationen/2017/326106/IW-Analyse_2017-113_Regionale_Armut_in_Deutschland.pdf

4 Aikins, Joshua Kwesi, Cengiz Barskanmaz, Johannes Brandstäter, Dr. des. Eddie Bruce Jones, Mekonnen Mesghena. 2015. „Rassistische Diskriminierung in Deutschland. Erscheinungsformen und menschenrechtliche Verpflichtungen zum Schutz vor rassistischer Diskriminierung“, Parallelbericht an den UN-Antirassismusausschuss zum 19. – 22. Bericht der Bundesrepublik Deutschland nach Artikel 9 des Internationalen Übereinkommens zur Beseitigung jeder Form von rassistischer Diskriminierung Rassistische Diskriminierung in Deutschland Erscheinungsformen und menschenrechtliche Verpflichtungen zum Schutz vor rassistischer Diskriminierung. Diakonie Deutschland, Evangelischer Bundesverband Evangelisches Werk für Diakonie und Entwicklung e. V. Zentrum Migration und Soziales.

5 Sich beziehen auf Krell, Claudia und Kerstin Oldemeier. 2015. „Coming-out und dann…!?“ Ein Forschungsprojekt zur Lebenssituation von lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans* Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Deutsches Jugendinstitut und Staudenmeyer, Bettina, Gerrit Kaschuba, Monika Barz und Maria Bitzan. Juli 2016. „Vielfalt von Geschlecht und sexueller Orientierung in der Jugendarbeit in Baden-Württemberg“ Landesweite Studie zu den Angeboten für lesbische, schwule, bisexuelle, transgender, transsexuelle, intergeschlechtliche und queere Jugendliche und Empfehlungen für die LSBTTIQ-Jugendarbeit. Ministerium für Soziales und Integration, Baden-Württemberg.

6 Antidiskriminierungsstelle des Bundes. 2015. „Diskriminierungserfahrungen in Deutschland: Erste Ergebnisse einer repräsentativen Erhebung und einer Betroffenenbefragung. https://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/Aktuelles/DE/2016/20160419_PK_Umfrage.html